Leseprobe "Randgebiete der Menschheit" - Beginn des Romans

          


Prolog

Ich weiß, ihr kennt den Homo sapiens, den weisen, klugen und verständigen Menschen. Wir selbst schenkten uns schließlich diese Charakterisierung. Mit keiner anderen Bezeichnung bringt man die Fehldeutung einer gesamten Population prägnanter zum Ausdruck. Das Bestreben der Natur, mit jeder neuen Generation einen Fortschritt zu erreichen und so einen echten Homo sapiens hervorzubringen, kann bis zum jetzigen Zeitpunkt als gescheitert angesehen werden. Was sehen wir, wenn wir uns als die Krone der Schöpfung vor den Spiegel stellen? Im Tanz der Evolution, mit zwei Schritten vor und einem zurück, würde uns ein ehrlicher Spiegel den Rückschritt unserer Spezies präsentieren - unser glanzvolles Selbstbild wäre zerstört. Wir tasten diesen Spiegel jedoch nicht an, weil wir der Homo hybris sind. Selbstüberschätzung und Hochmut gehören zu unserem Wesen. Im günstigsten Fall stellen wir eine Zwischenstufe zum weisen und verständigen Geschöpf dar. Die Sicht auf uns selbst ist nicht objektiv. Sie unterliegt der unbewussten Kraft der selektiven Wahrnehmung. Diese verhindert den unverstellten und schonungslosen Blick in die Seele unserer eigenen Gattung aus der Familie der Menschenaffen.
Vor langer Zeit hielt meine Mutter den ehrlichen Spiegel unserer Spezies vorübergehend in den Händen, verlor ihn jedoch auf tragische Weise wieder. Der Spiegel bestand nicht aus Glas, sondern aus Fleisch und Blut, mit viel Gehirn und noch mehr Herz. Er war ein Wesen wie du und ich, stammte allerdings aus einer anderen Sphäre - vielleicht begegnete ihr damals der erste echte Homo sapiens. Die Ereignisse waren kurios, mit philosophischen und kriminalistischen Aspekten durchdrungen, und letztlich dramatisch einfach.

Am Bahnhof des Lebens treten immer mehr Akteure der hier beschriebenen Vorkommnisse ihre letzte Reise mit unbekanntem Ziel an. Jeder von ihnen hinterlässt seine kleinen, vergänglichen Fußabdrücke auf unserem fragilen Planeten. Gemeinsam teilen sie jedoch das Erlebnis, einem außergewöhnlichen Wesen begegnet zu sein, dessen Spuren zumindest für diejenigen erhalten bleiben sollten, die diesem Pfad folgen können und wollen. Jeder wird auf dieser Wanderung seinen eigenen Weg gehen, Erfüllung erfahren oder verwirrt stehen bleiben. Ich würde es mir nicht verzeihen, die nun folgende Geschichte irgendwann unerwähnt auf meinen letzten Ausflug mitzunehmen. Vielleicht kann die Erzählung die Kräfte ein klein wenig unterstützen, die uns retten können und an einigen Stellen aus den Ohren Augen machen, damit der aufrichtige Blick auf uns selbst aufblitzen kann. Ich erzähle sie so, wie ich sie erlebt und erfahren habe.

                                                                                                                             Clara Keppler


TEIL 1 - ELEONORE UND EIN FREMDARTIGES WESEN
I. Zufallsfund

Die spitzen Eckzähne hatte ich von der Natur verliehen bekommen. Den verführerischen und gleichzeitig eiskalten Augenaufschlag beherrschte ich und verstand es, ihn mit Schminke perfekt in Szene zu setzen. Die Garderobe, die ich für dieses Event ausgewählt hatte, war ebenfalls präsentabel: ein romantisch-düsteres Outfit, elegant und mit einem Schuss Erotik. Für die Mottoparty ‚Transsilvanien‘ meiner Freundin fehlte mir aber noch ein passender dunkler Umhang. Meine Mutter Eleonore gab mir den Tipp, in den seit Jahrzehnten im Schuppen eingelagerten Umzugskartons nachzusehen, in denen sie einen Kunstleder-Mantel aus ihrer Jugendzeit vermutete: schwarz, lang und tailliert. Nachdem ich die dritte Kiste mit alten Klamotten geöffnet hatte, fand ich das besagte Kleidungsstück, das sich ideal für eine Vampirlady eignete. Ich probierte die Jacke an und sie saß wie angegossen. Als ich meine neueste Errungenschaft näher untersuchte, entdeckte ich in einer der Innentaschen einen Briefumschlag. Er war nicht zugeklebt. Auf dem Briefpapier erkannte ich die Handschrift meiner Mutter.

Lieber Gummili!                                                                                                  Weihnachten 1986

Die letzten vierzehn Monate habe ich versucht, dich aus meinem Gedächtnis und aus meinem Herzen zu verbannen, aber ich schaffe es einfach nicht. Deshalb richte ich diese Zeilen an dich, auch wenn mir schmerzhaft bewusst ist, dass ich dich nicht mehr erreiche und dieser Brief vermutlich haltlos im Orbit verschwinden wird. Es geht mir schlecht und mein Arzt rät mir, die Erlebnisse nicht zu verdrängen, sondern mich mit den Geschehnissen auseinanderzusetzen und mit anderen Menschen darüber zu reden. Ich möchte aber mit niemandem darüber sprechen. Dennoch verspüre ich den Drang in mir, etwas nach außen zu entlassen, weil ich ansonsten innerlich kaputt gehe. In besonders schwarzen Nächten meine ich, deine Gegenwart und Aufmerksamkeit spüren zu können, die mich durch die Dunkelheit in den nächsten Tag begleitet – nur so ist der seelische Schmerz für mich erträglich. Mir bleibt ein letztes Fünkchen Hoffnung, dass dich meine schriftlich formulierten Gedanken auch auf anderen Wegen erreichen, da du meine am Kriegerdenkmal vergrabenen Mitteilungen nicht mehr abholst.

Nach dem Mordversuch an mir, habe ich mich krampfhaft bemüht, alle Gefühle im Keim zu ersticken – aber sie verschwinden nicht, sondern entwickeln hinter verschlossenen Türen krankhafte Züge, die immer dominanter werden.
Das Geheimnis deiner Identität konnte ich nicht lösen, aber damit habe ich mich abgefunden, weil du mir stattdessen Freundschaft, Vertrauen und Inspiration geschenkt hast. Den Mörder meines vorherigen Lebens hingegen muss ich unbedingt finden, um zu verstehen, womit ich diesen abgrundtiefen Hass in ihm entfacht habe. Jede einsame Minute verbringe ich mit düsteren Gedanken an den Schützen. Letztlich drehen sich aber all meine Theorien im Kreis und finden keine Verankerung. Es macht mich wahnsinnig und menschenscheu, dass ich keinen meiner ehemaligen Vertrauten als Täter ausschließen kann. Nur Gerold und Gregor sind mir geblieben, während mir viele andere geliebte Menschen durch den perfiden Anschlag abhandenkamen. Mir fehlt die Kraft, meine düsteren Gedanken fortzusetzen. Ich baue auf die Zeit, auch wenn ich mir darüber im Klaren bin, dass sie Amputationen an der Seele nicht heilen kann.

                                                                                                                                    Eleonore Biber

Die Worte meiner Mutter verwirrten mich. Sie stammten zweifelsfrei von ihr, aber ich hatte keinen blassen Schimmer, was den Inhalt und den Empfänger „Gummili“ anging.
Eleonore reagierte abweisend und ungehalten, als ich sie darauf ansprach und ihr den Brief übergab.
„Das ist ewig her und nicht mehr von Bedeutung“, kommentierte sie kurz angebunden das Schriftstück. Ihr verkrampftes Gesicht zeigte ungewollt eine deutliche Gefühlsregung: Entsetzen.
Mit ihrer knappen Aussage und ablehnenden Haltung wollte ich mich nicht zufrieden geben, biss bei ihr aber auf Granit. Für meine Mutter war das Thema eindeutig beendet. Die Botschaft des vor 30 Jahren verfassten Briefes war ein einziger Hilfeschrei und Eleonores gegenwärtiges Verhalten äußerst dubios.
Neben dem ominösen und mir vollkommen unbekannten Adressat „Gummili“, erwähnte meine Mutter in dem Schreiben meinen Vater Gerold und einen Gregor. Von alten Fotos wusste ich, dass Gregor ein Jugendfreund meiner Mutter war, von dem ich vielleicht etwas über den Hintergrund dieser beängstigenden Zeilen erfahren konnte. Also versuchte ich, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Ich hatte keine Vorstellung von den sensationellen Erlebnissen und Offenbarungen, die mit seiner Bekanntschaft auf mich zukamen.

II. Zeitzeugen und erste Kontakte
2015 – Onkologische Klinik Freiburg

Schau Clara, die Morgensonne meint es gut mit uns, als ob sie die Bedeutung dieser Ereignisse hervorheben wollte. Diese Geschichte hat mich mein ganzes Leben lang begleitet, emotional aufgewühlt und sie berührt mich noch heute zutiefst. Du würdest nur an der Oberfläche dieser Geschehnisse kratzen, wenn ich es auf eine Kurzfassung beschränke.“
    „Gregor, als ich nach unserem netten Telefonat die Karte von dir, die förmlich mit Herr Günster unterschreiben war, und den wunderschönen Blumenstrauß erhalten habe, war mir klar, dass du länger mit mir reden möchtest. Deine Einladung nach Freiburg habe ich gerne angenommen. Auf die Geschichte hinter dem Brief meiner Mutter bin ich sehr gespannt und dankbar für jede Stunde, die du mir zur Verfügung stellst. Eleonore blockiert Auskünfte oder Erklärungen zum Inhalt des Schreibens. Auch im Umfeld meiner Mutter konnte ich nichts Greifbares herausfinden.“
    „Bei mir bist du richtig. Ich kenne die Hintergründe zu Eleonores Brandbrief. Allerdings weiß ich jetzt, am Ende meines Lebens, noch immer keine eindeutige Antwort auf die Frage, ob die Hauptdarsteller dieses Dramas all diese Hintergründe überhaupt erfahren sollten. Die Ereignisse von 1985 haben nicht nur deine Mutter geprägt, sondern sie haben auch mir eine Sicht auf die Welt und das Leben gegeben, die mir ohne diese Begebenheiten verschlossen geblieben wäre. Diese Geschehnisse drückten meiner eigenen Biografie, obwohl mir das lange nicht bewusst war, den deutlichsten Stempel auf. Ich will nicht pathetisch werden, aber letztlich haben mir die Worte des Briefpartners deiner Mutter die Angst vor dem nahenden Tod genommen. Im Grunde bin ich froh, die Geschichte von der Leine lassen zu können. Ich gebe sie mit dem Vertrauen in deine Obhut, dass du sorgsam damit umgehen wirst.“
    „Aber wieso sprichst du von einem Drama? Eigentlich dachte ich die letzten Tage eher an ein Rollenspiel oder einen ähnlichen Grund für diese Zeilen, zumal ‚Gummili‘ kein realer Name sein kann.“
    „Oh je, ich habe es befürchtet, du bist nicht ansatzweise eingeweiht. Deine Unkenntnis ist vergleichbar mit dem Hochseiltänzer, der nicht in den Abgrund schauen soll. Für mich war es ein Drama, weil ich dadurch meine besten Freunde verloren habe. Deine Mutter Eleonore wurde zu einem anderen Menschen und Falk brach alle Kontakte zu seiner Heimat konsequent, fast brutal ab. Für Eleonore war und ist es eine Katastrophe, weil mit Falk ihre große Liebe verschwand, was ihr erst nach und nach klar wurde - zumal ihr noch andere Lebensgefährten verloren gingen. Eleonore vertraute niemandem mehr und zog sich zurück. Ihr Wesen veränderte sich spürbar, bis von der lustigen, lebensfrohen und aufgeschlossenen jungen Frau nichts mehr übrig war. Wie gerne hätte ich den Menschen, der sich Gummili nannte und die mysteriösen Schriftstücke verfasst hatte, persönlich kennengelernt.
Es ehrt mich, dass du meiner Einladung nach Freiburg gefolgt bist. Eine Krebsklinik ist nun wirklich kein wünschenswerter Ort für einen Urlaub. Für mich bist du die letzte Chance, damit das Rätsel doch noch gelöst werden kann. Es wäre eine Befreiung für viele Menschen. Vieles von dem, was dir jetzt unbekannt oder zumindest abstrakt erscheint, wirst du verstehen und begreifen, aber dafür musst du zumindest kurz in den Abgrund blicken. Lass mich die Geschichte so erzählen, wie ich sie durch das Studium der Briefe, der Tagebücher deiner Mutter, der Ermittlungsakten, durch Gespräche mit den Beteiligten und durch meine Rolle als Mitwirkender und gleichzeitig Beobachtender rekonstruieren konnte. Ich versuchte mich dabei in die Menschen hineinzuversetzen, fast bis in ein pathologisches Stadium. Vielleicht ist die Zeit gekommen, aus dieser Vorgehensweise den Nutzen zu ziehen, um die Geschehnisse so authentisch wie möglich vor dir auszubreiten. Bisher hast du nur den letzten Brief deiner Mutter gelesen, der auch mir unbekannt war. Ich hingegen habe fast alle Schriftstücke von Gummili, die er an Eleonore richtete. Deine Mutter hat mir, in ihrer selbst verleugneten Verzweiflung, einen Großteil davon überlassen. Sie war schwermütig, wollte sich den Vorfällen nicht stellen. Aus diesem Grund gelang es mir, sie zu überreden, mir die Briefe auszuhändigen. Es half ihr, die Ereignisse weiter zu verdrängen, später sogar zu verleugnen. Ich bin sicher, sie hätte diese Beweise früher oder später vernichtet.“
    „Gregor, ich habe ein Zimmer für sieben Tage reserviert und ich kann problemlos eine Woche dranhängen. Du hast also alle Zeit der Welt.“
    „Leider nein, meine Liebe. Wir sollten sofort loslegen, meine Tage im Diesseits sind gezählt.“
    „Entschuldige bitte, aber du darfst dich nicht überfordern. Wenn dich die Unterhaltung zu sehr anstrengt, machen wir eben am nächsten Tag weiter. Lass uns für unsere Gespräche Plätze finden, an denen du dich wohlfühlst. Ich verspreche dir, das Erzählte nur in deinem Sinne zu verwenden.“
    „Weißt du, ich tauche gerne in diese Geschichte ein und dann verlieren Ort und Zeit vollkommen an Bedeutung. Wichtig ist eigentlich nur, zu unterbrechen, wenn deine Konzentrationsfähigkeit am Ende ist. Lass uns mit deiner Mutter Eleonore als Jugendliche beginnen, denn dieses lebenslustige Mädchen war der Auslöser der Ereignisse. Du solltest ein Gefühl für deine Mutter als Teenager bekommen, die vor diesen Erlebnissen ein anderer Mensch war. Deswegen werde ich dir einfach eine Passage aus ihrem Leben erzählen beziehungsweise vorlesen. Eleonore hat ihr Tagebuch wie eine Erzählung verfasst.“

Ich verstand immer noch nicht, warum diese Angelegenheit für Gregor Günster eine so immense Bedeutung hatte. Mir war schleierhaft, warum er von Ermittlungsakten, Abgrund, Drama und Katastrophe sprach. Auch die angedeutete Wesensänderung Eleonores war mir suspekt, aber nun war nicht der richtige Zeitpunkt, danach zu fragen. Gregor öffnete behutsam das leicht vergilbte Tagebuch meiner Mutter. Der Einband bestand aus geriffeltem Leinen mit himmelblauer Grundfarbe und weiß-grauen Wolken. Die vergangenen Jahrzehnte hatten die Farben verblassen lassen. Gregor konzentrierte sich mit wachen Augen auf die Zeilen. Er setzte seine an der Brust baumelnde Lesebrille auf und begann mit der Wiedergabe des Büchleins. Es hatte den Anschein, als würde er durch das Buch direkt in die Vergangenheit blicken...